schlimmer geht immer

von bewerbungen, behinderungen und einem heiligenschein

ich liebe meinen job. meinen beruf. und ab und an bekomme ich ein job angebot. was natürlich mein ego streichelt, ich bis jetzt aber immer abgelehnt habe. warum? weil ich meine kollegen mag, es mit diesem team unglaublich viel spaß macht, die arbeit super ist. aber langsam regt sich in mir dennoch der wunsch, eine andere richtung einzuschlagen. und als ob das universum es geahnt hätte, klopft wieder ein jobangebot an – und das klingt unglaublich gut. es reizt mich, weil ich es eine echte herausforderung ist, weil es weiterentwicklung wäre.

dafür müsste ich aber nicht nur mein kuscheliges nest verlassen, sondern mich auch mit der frage herumschlagen: sage ich, dass ich eine körperliche behinderung habe? in meinem jetzigen job wissen meine kollegen, was ich habe. was ich kann und was nicht. dass ich alle paar wochen ins krankenhaus muss, meine infusion abholen. dass ich im winter wie auf eiern gehe, wegen der sturzgefahr. für den neuen job müsste ich im gesamten bewerbungsprozess meine große klappe halten. auch in der probezeit. mir urlaub fürs krankenhaus nehmen, bei problemen irgendetwas vortäuschen.

lebten wir in einer guten welt, würde ich mir darum erst gar keine gedanken machen müssen. aber dieser ansatz ist müßig, denn die realität sieht nun mal so aus – schweigen und beruflich vorankommen oder ehrlich sein und eine absage bekommen. jeder personaler rät: nur rausrücken, wenn es unbedingt sein muss. ansonsten die behinderung/krankheit lieber verschweigen.

nun sind wir an dem punkt, an dem es für mich zu einer gewissensfrage und nicht nur zu einer rein beruflichen wird. denn wir sprechen alle von inklusion, dennoch verleugnen wir unsere behinderungen, wenn es geht. na, schreit hier schon jemand „einspruch“? 😉 ja, es stimmt: es geht niemanden etwas an, was ich habe, denn es definiert mich genauso wenig wie meine haarfarbe. kein mensch – auch ich nicht – will auf seine einschränkungen, behinderungen, krankheiten etc. reduziert werden. aber trotzdem möchte ich die möglichkeit haben, damit offen umzugehen – ohne ein etikett zu bekommen. denn irgendwie gehört diese sch***-krankheit zu mir. auch hat in meinen augen der arbeitgeber ein recht, zu wissen, wo meine körperlichen grenzen liegen und vor allem: dass ich trotzdem in der lage bin, meinen job zu 100 prozent zu erfüllen.

ich möchte nicht schweigen und monatlang mit der angst leben, dass es doch rauskommt. auf den richtigen zeitpunkt warten, um ehrlich zu sein. das hieße ein stück weit, mich selbst zu verleugnen, das habe ich lange genug so gemacht. und wo es psychisch geendet hat, das wissen wir. ich möchte nicht virtuell über ein leben mit einer muskelerkrankung schreiben und einen einblick in selbiges gewähren – und im realen leben lügen müssen.

moment, ich muss kurz meinen heiligenschein putzen. nein im ernst, wenn so einfach wäre, würde ich diesem sermon hier nicht schreiben. denn in mir gibt es natürlich auch die ehrgeizige frau k., die wissen möchte: schaffe ich diesen job? die etwas neues ausprobieren möchte und wenn es nur ein test des marktwertes ist. dafür allerdings müsste ich meinen heiligenschein abschrauben und das spiel mitspielen, in dem unsere gesellschaft so gut ist. inklusion predigen und exklusion leben.

 

 

5 comments for “von bewerbungen, behinderungen und einem heiligenschein

  1. Catwhiskey
    29. Januar 2015 at 12:31

    Liebe Frau K., lese immer mal wieder hier rein und fragen Sie mich bitte nicht, wie ich auf Ihre Seite kam, keine Ahnung. Ich verstehe Ihre Bedenken, einem potentiellen Arbeitgeber Ihre Krankheit offenzulegen, aber ich frage mich schon auch, ob ein Verschweigen nicht rechtliche Probleme in Bezug auf die Vertragserfüllung auslösen könnte? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin überzeugt davon, dass Sie wissen, was Sie sich zutrauen können und was nicht, aber was ist mit Fehlzeiten, wie Krankenständen, Arztbesuchen etc. die über ein übliches Maß hinausgehen und die Sie wahrscheinlich auch nicht mit Urlaubstagen alleine abdecken können? Und wenn doch, wie sieht es mit dem Vertrauen des Arbeitgebers in Sie aus, wenn er nachträglich erfährt, dass Sie ihm diese nicht unwichtige Tatsache verschwiegen haben? Nur so Gedanken, nichts für ungut, alles Gute, Catwhiskey

  2. Bea
    7. Januar 2015 at 23:03

    Vor diesem Problem stand ich auch schon zweimal. Beide Male habe ich es verschwiegen und das war auch genau richtig so. Trotz schlechtem Gewissen.
    Inzwischen ist das nicht mehr möglich, weil ich mit meinem Klarnamen öffentlich blogge, auch über meine Krankheit(en) und Einschränkungen. Nun stehe
    ich demnächst vor einem kompletten Neuanfang, auch beruflich, und wünschte, ich wäre nicht so offen gewesen. Ich fürchte, dass damit ein beruflicher
    Umstieg kaum möglich ist. Ich kenne auch die Arbeitgeberseite und kann deshalb verstehen …

    • 7. Januar 2015 at 23:08

      das ist ja die krux oder? aber wenn wir uns alle verstecken, denkt niemand mehr jemals um. auch wenn das vielleicht naiv gedacht ist? ich hab halt bedenken, was ich mir psychisch antue, wenn ich „verschweige“….

  3. Consuela
    5. Januar 2015 at 12:38

    Oder du testest deinen Marktwert, indem du ehrlich bist. Einen absolut ehrlichen Frau-K-Marktwert. Sofern dir eine Absage nicht allzu weh tun würde.

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